3 MINUTEN MIT ZBINDEN









Kapitel 31
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Griechische Sagen
1967 erschien bei der Büchergilde Gutenberg das Buch:
Gustav Schwab. Die schönsten Sagen
des klassischen Altertums.
Mit 70 Holzstichen von Emil Zbinden.
Das Buch enthält 680 Seiten.
Eine ganz andere Bildsprache Zbindens begegnet uns hier. Die Holzstiche erinnern an attische Amphoren. Zudem benützt Zbinden neben den Sticheln ein neues Werkzeug zur Holzbearbeitung, die Punze.
Wir wählen zur Vorstellung drei Sequenzen aus dem Kapitel „Odysseus“.
Der Trojanische Krieg ist beendet, die griechischen Krieger sind wieder zu Hause, nicht aber Odysseus. Ist er tot oder irrt er mit seinen Mitkämpfern noch auf den griechischen Meeren herum? Auf der Insel Ithaka wartet seine Frau Penelope seit zwanzig Jahren auf ihn. Ihr Anwesen wird belagert von Freiern, von denen ein jeder an Odysseus’ Stelle treten möchte.
Erstaunlich, wie Gustav Schwab den Hexameter-Rhythmus des Originals in seine Prosa aufnimmt.
Auf dem Meer von Poseidon bedroht
„Bald war das Floss gezimmert und am fünften Tag schwoll das Segel des Odysseus im Winde. Er selbst sass am Ruder und steuerte kunsterfahren durch die Flut. Kein Schlaf kam ihm über die Augen, beständig blickte er nach den Himmelsgestirnen und richtete sich nach den Zeichen, die ihm Kalypso beim Scheiden angegeben hatte. So fuhr er siebzehn Tage durch das Meer. Am achtzehnten erschienen ihm endlich die dunklen Gebirge des phäakischen Landes, das sich ihm entgegenstreckte und trübe hinzog wie ein Schild im dunklen Meere. Jetzt aber ward ihn Poseidon gewahr, der eben von den Äthiopiern heimkehrte (…) »Nun«, sprach er bei sich selbst, »er soll mir doch noch Jammers genug erfahren!» Und jetzt versammelte er die Wolken, regte das Meer mit dem Dreizack auf und rief die Orkane zum Kampf miteinander herbei, so dass Meer und Erde ganz in Dunkel gehüllt wurden. Alle Winde pfiffen um das Floss des Odysseus her, dass diesem Herz und Knie zitterten und er zu jammern begann, dass er den Tod nicht von den Speeren der Trojaner gefunden. Als er noch so seufzte, rauschte eine Welle von oben herab, und das Floss geriet in einen Wirbel; das Ruder fuhr ihm aus der Hand, das Floss war in Stücke gegangen, er selbst taumelte weit von dem erschütterten Fahrzeug; Mastbaum und Segelstangen trieben da und dort über das tobende Meer hin. (…) Wie er nun auf dem zerrissenen Flosse dahintrieb, gleich einer Distel im Winde, da erblickte ihn die Meeresgöttin, und es erbarmte sie des armen Dulders.“ (S. 504f.)
Mit einer List an den Sirenen vorbei
Odysseus erzählt den Phäaken: „Das erste Abenteuer, das wir zu bestehen hatten und von welchem uns Kirke geweissagt, erwartete uns am Eilande der Sirenen. Dieses sind sangreiche Nymphen, die jedermann bezaubern, der auf ihr Lied horcht. Am grünen Gestade sitzen sie und singen ihre Zauberlieder dem Vorüberfahrenden zu. Wer sich zu ihnen hinüberlocken lässt, ist ein Kind des Todes, und man sieht deswegen an ihrem Ufer moderndes Gebein genug umherliegen.“
Kirke rät Odysseus: »Wenn du an die Insel der Sirenen kommst und ihr Gesang euch droht, so verklebe die Ohren deiner Freunde mit Wachs, dass sie nichts hören; begehrst du aber selbst ihr Lied zu vernehmen, so befiehl, dass man dich, an Händen und Füssen gefesselt, an den Mast binde, und je sehnlicher du deine Freunde bittest, dich loszubinden, desto fester sollen sie die Seile schnüren!«
(S. 536) (…)
„So sangen sie. Mir aber schwoll das Herz im Busen vor Begierde sie länger zu hören; ich winkte meinen Freunden mit dem Kopf, mich loszulassen. Aber sie mit ihren tauben Ohren stürzten sich nur um so rascher aufs Ruder und zwei von ihnen, Eurylochos und Perimedes, kamen herbei und legten mir, wie ich früher befohlen hatte, noch viel stärkere Stricke an und schnürten auch die alten fester zusammen. Erst als wir glücklich vorübergesteuert und ganz ausser dem Bereich der Sirenenstimmen waren, nahmen meine Freunde sich selbst das Wachs aus den Ohren, und mir lösten sie die Fesseln wieder. Ich aber dankte ihnen herzlich für ihre Beharrlichkeit.“ (S. 537)
Zurück auf Ithaka
Odysseus kommt in der Gestalt eines Bettlers zurück nach Ithaka. Auch seine Frau Penelope erkennt ihn nicht. Er muss zuerst die Freier am Hofe überwältigen. Es fliesst viel Blut. Verständlich, dass Emil Zbinden das Kapitel eingangs mit einem Harnisch illustriert und mit einer doppelseitigen Soldatenszene beendet. Man beachte den Krieger, mit dem Zbinden die Marschkolonne abschliessen lässt.
Erfolg des Aufräumens:
„Odysseus blickte umher und sah keinen lebenden Feind mehr. Sie lagen hingestreckt am Boden, wie Fische, die der Fischer aus dem Netz geschüttet.“
(S. 591)
Penelope erkennt ihren Mann wieder:
„Die Knie zitterten der Königin, als sie das Zeichen [Narbe aus frühen Jahren] erkannte. Weinend erhob sie sich vom Stuhle, lief auf ihren Gatten zu, umschlang ihm den Hals mit offenen Armen, küsste sein Haupt und küsste es wieder (…) Die halbe Nacht verging den Gatten unter gegenseitiger Erzählung des unendlichen Elends, das sie beide in den zwanzig verflossenen Jahren erduldet, und der Königin kam kein Schlaf in die Augenlider, bis ihr Gemahl von allen seinen Irrfahrten ihr den ausführlichsten Bericht abgestattet hatte.“ (S. 595)
pst
Literatur:
Gustav Schwab.
Die schönsten Sagen des klassischen Altertums.
Mit 70 Holzstichen von Emil Zbinden.
1967
(Büchergilde Gutenberg, Frankfurt am Main, Wien, Zürich)
