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Der wegweisende Bau der Staumauer Albigna

Vor 60 Jahre war der Baubeginn der Staumauer Albigna, die von 1955 bis 1961 realisiert wurde. Eine Doppelausstellung thematisiert die Ereignisse, die für die wirtschaftliche Existenz des Bergells wegweisend wurden. In der Ausstellung «L’Albigna di Emil Zbinden» im Museo Ciäsa Granda in Stampa wird die Auseinandersetzung des Berner Künstlers mit dem Staudammbau gezeigt, während in der Galleria Il Salice in Castasegna die Reportage «Una giornata sull’Albigna» des Berner Fotografen Urs Beyeler zu sehen ist. Getragen wird das Projekt von der Bergeller Kulturorganisation Società culturale di Bregaglia, einer Sektion von Pro Grigioni Italiano (Pgi), und dem Förderverein Emil Zbinden in Bern, die damit einen Austausch der Schweizer Sprachregionen fördern möchten.

pd. Im Sommer 1955 begannen die Bauarbeiten an der Staumauer Albigna. Das Jahr bildet einen wichtigen Meilenstein in der Geschichte der Talschaft. Die Stadt Zürich investierte rund 180 Mio. Franken in die Wasserkraft-Anlagen. Die Bergeller Kraftwerke schufen direkt oder indirekt Arbeitsplätze, brachten den Gemeinden Wasserzinsen und Steuereinnahmen und prägten damit die wirtschaftliche Existenz des Tals nachhaltig. Jahrzehnte lang hatten sich die Bergeller um ein Wasserkraftwerk bemüht. Als die Nachricht 1955 eintraf, «Zürich» wolle das Bauvorhaben realisieren, liessen sie vor Freude alle Kirchenglocken im Tal läuten. Nicht mehr Auswanderung und Existenznöte sollten künftig das Leben im Tal prägen. Die Kraftwerk-Anlagen, die am 5. September 1961 eingeweiht werden konnten, gaben dem grösstenteils kargen Bergtal eine neue Existenzgrundlage.

Zwei Künstler unter Bauarbeitern

Hunderte Arbeiter und Ingenieure waren am Kraftwerkbau beteiligt. Ein paar Fotografen und Künstler wollten den Bau, der in ihren Augen dem Zeitgeist entsprach, begleiten und dokumentieren. Zwei von ihnen waren der Berner Holzstecher, Zeichner und Buchillustrator Emil Zbinden (1908 – 1991), vor allem bekannt durch seine umfangreiche Arbeit an einer 16-bändigen Gotthelf-Ausgabe für die Büchergilde Gutenberg, und der Berner Maler Eugen Jordi (1894 – 1983).

Jordi und Zbinden kamen im Sommer 1958 erstmals ins Bergell und quartierten sich in den Baracken auf Albigna ein. Es war ihre erklärte Absicht, die Arbeiten am Industriewerk möglichst präzise festzuhalten und so das Verständnis für das Wirken der Bauleute zu fördern. Mensch und Technik in Verbindung mit der Berglandschaft war ihr neues, grosses Thema.

Die Arbeitsbedingungen für die beiden Künstler waren nicht immer optimal auf über 2'000 Meter über Meer. So liess das alpine Klima etwa keine Ölmalerei zu. Die Bauarbeiter, ein wichtiges Sujet der Künstler, hatten kaum Zeit zum Posieren. Dennoch verfolgten Emil Zbinden und Eugen Jordi hartnäckig ihr Ziel und verbrachten in den warmen Sommer- und Herbstmonaten von 1958 und 1959 jeweils mehrere Wochen auf Albigna. Zbinden hat in dieser Zeit einen für ihn wichtigen Werkzyklus geschaffen, der gleichzeitig ein bedeutendes Stück Schweizer Industriegeschichte festhält: die Arbeit am Staudamm als Metapher für den industriellen Wandel.

Ausstellungen in Castasegna und Stampa

Im Sommer 1958 gesellte sich auch der Berner Fotograf Urs Beyeler dazu, der mit Zbinden befreundet war. Er fotografierte auf Albigna bis im März 1960 insgesamt fünfmal.
Der Fotograf Beyeler und der Künstler Zbinden teilten das Interesse an der aufkommenden Technik der Grossindustrie und an den Wasserkraftbauten. Ähnlich wie Zbinden wollte er auf Albigna nicht schöne Porträts von Menschen realisieren, sondern die Menschen bei der harten Arbeit auf den Baustellen im Hochgebirge zeigen. Die Fotos des heute 90-jährigen Berners sind bisher weitgehend unveröffentlicht und erfahren diesen Sommer eine späte Würdigung. Unter dem Titel «Ein Tag auf Albigna/Una giornata sull’Albigna» werden die Aufnahmen von Juni bis Oktober in der Galleria il Salice in Castasegna gezeigt.

Emil Zbinden setzte sich seit jungen Jahren mit Werkzeugen, Grossbaustellen, menschlicher Arbeit und der Arbeiterschaft auseinander. Von 1950 bis 1954 hatte er bereits entstehende Kraftwerkbauten im Berner Oberland und im Wallis besucht und dabei eine neue Form der Alpenmalerei gefunden: jene nämlich, die Technik und Natur, technische Bauten und natürlichen Fels verband. Die Ausstellung «L’Albigna di Emil Zbinden» im Museo Ciäsa Granda in Stampa eröffnet Zugänge zu einem bisher weniger bekannten Werkbereich des Holzstechers, Malers und Zeichners. Neben

zahlreichen Zeichnungen und Skizzen werden in Stampa Originalgrafiken aus dieser Zeit gezeigt. 1960, also ein Jahr vor der Einweihung der Bergeller Kraftwerke, waren die Albigna-Arbeiten Emil Zbindens zusammen mit jenen von Eugen Jordi im Stadthaus Zürich zu sehen. Es war eine der ersten öffentlichen Ausstellungen, die dem damals bereits 52-jährigen Zbinden gewidmet war. 55 Jahre später bildet die Ausstellung in Stampa eine Würdigung der immensen Bemühungen des Berner Künstlers. Bemühungen, die vor allem von den Sympathien des Künstlers mit den Arbeitenden geleitet wurden.

Zeitzeugen des Staumauerbaus gefunden

Dies ist ein Grund, weshalb in der Ausstellung in Stampa auch die Arbeiter und Ingenieure zu Wort kommen sollen. Die Bergeller Kulturorganisation Società culturale di Bregaglia, Sektion von pro grigioni italiano (pgi) hat im Sommer 2014 ein aufwändiges Oral History-Projekt lanciert, um Zeitzeugen der Albigna-Bauarbeiten aufzuspüren. Die Journalisten und Historiker Paola Beltrame und Andrea Tognina haben rund 30 Interviews geführt, um die Erinnerung der Zeitzeugen aufzufrischen und die Ereignisse zu rekonstruieren. In den beiden Ausstellungen sind nun sechs Stimmen zu hören, die in den 1950er-Jahren die Arbeiten am Bauwerk miterlebt hatten.

Die Albigna-Staumauer ist das Werk von Hunderten von Arbeitern und Arbeiterinnen aus der Schweiz und vor allem aus dem nahen Italien. Die Grossbaustelle versammelte von 1955 bis 1961 zahlreiche Berufsgruppen aus nationalen und multinationalen Unternehmen. Die Interviews mit Schweizern und Italienern sind ein Versuch, das Bild der Ereignisse so vollständig wie möglich wiederzugeben und nach über 50 Jahren das Klima der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit zu beleben. Die Ausstellungen in Stampa und Castasegna können darum auch als Symbol des Austausches verstanden werden: zwischen dem Schweizer Mitteland und den Bergregionen, den verschiedenen Sprachregionen und Kantonen, zwischen der Schweiz und Italien.

Informationen:

L’Albigna di Emil Zbinden, Museo Ciäsa Granda, Stampa, 7. Juni bis 20. Oktober 2015, täglich von 14 bis 17 Uhr.

www.ciaesagranda.ch

Una giornata sull’Albigna, Galleria Il Salice, Castasegna, 7. Juni bis 20. Oktober 2015, jeweils Mittwoch bis Sonntag 14 bis 17 Uhr. www.galleria-il-salice.com

Zur Ausstellung erscheint die Publikation «Albigna», Edition eigenART, Verlag X-Time, Bern

Kontakt/Rückfragen Ausstellungen:

Jürg Spichiger, Leiter Ausstellungsprojekt, Tel. 031 333 59 01/079 962 60 82

 

Informationen Bergell: Maurizio Zucchi, Tel. 081 822 17 11, bregaglia@pgi.ch

Nachlassbetreuung und Copyright der Werke:

Karl und Katharina Zbinden-Bärtschi, Garbenweg 3, CH-3027 Bern

info@emilzbinden.ch

Letzte Aktualisierung: 15. Oktober 2019